Mbigouom – Das Rezept meiner Oma

mbigouom
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Chez Fadi · Kultur & Geschichte

Mbigouom – Wenn aus reifen Kochbananen eine Familiengeschichte wird

Ein fast vergessenes Bamoun-Rezept, drei Generationen von Frauen – und ein Erbe, das ich weitertragen möchte.

Es gibt Gerichte, die man nicht einfach nur kocht.

Sie tragen Erinnerungen in sich. Sie erzählen von Menschen, von einer Kindheit, von dem, was eine Familie durchgemacht hat. Und manchmal erinnern sie uns daran, dass traditionelle Küche viel mehr ist als eine Sammlung von Rezepten.

Mbigouom ist für mich genau so ein Gericht.

Es gehört zur kulinarischen Tradition der Bamoun, der Kultur, aus der meine Familie mütterlicherseits stammt. Und wenn ich heute Mbigouom zubereite, denke ich nicht nur an Kochbananen. Ich denke an meine Großmutter, an meine Mutter und an eine Geschichte von Verlust, Durchhaltevermögen, Arbeit und Weitergabe.

Eine Geschichte, die bei meiner Großmutter beginnt

Meine Großmutter war Witwe. Mein Großvater starb, als meine Mutter ungefähr acht Jahre alt war. Zu dieser Zeit war das Leben für meine Großmutter und ihre Kinder alles andere als einfach. Meine Mutter und ihre Schwestern mussten die Schule verlassen, um mitzuhelfen und Geld zu verdienen.

Meine Großmutter begann unter anderem Mbouo, Mbouo Pirien und Mbigouom herzustellen und zu verkaufen. Sie tat dies nicht nur für kurze Zeit – sie machte diese Produkte über viele Jahre und zog damit ihre Kinder groß, auch noch, als ihre Kinder längst erwachsen waren.

Diese Entscheidung stand damals auch im Kontext einer weit verbreiteten gesellschaftlichen Haltung: Allgemein in Kamerun – und besonders ausgeprägt bei den Bamoun – waren viele der Ansicht, dass Schulbildung wenig wert sei, vor allem für ein Mädchen. Für meine Mutter und ihre Schwestern bedeutete das, dass Arbeit und Mithilfe in der Familie Vorrang vor dem Schulbesuch hatten.

Hinter manchen Speisen stehen Frauen, die mit ihren Händen nicht nur Essen hergestellt haben. Sie haben damit Familien ernährt, Kinder großgezogen und sich ein Einkommen geschaffen.

Meine Großmutter war eine dieser Frauen. Und so wurde Mbigouom für mich schon früh mit meiner Familie verbunden – als Kinder haben wir sie besucht und geliebt, von ihrem Mbouo und ihrem Mbigouom zu essen. Aufgeschrieben hat sie ihr Rezept nie. Es gab keine Anleitung, keine Notizen – nur das, was sie mit ihren Händen wusste.

Was ist Mbigouom eigentlich?

Mbigouom wird aus sehr reifen Kochbananen (Plantains) hergestellt. Und genau darin liegt schon eine Besonderheit.

Für viele Gerichte werden Kochbananen in einem bestimmten Reifegrad verwendet. Für Mbigouom dürfen sie dagegen richtig reif sein. Die Schale wird immer dunkler, die Früchte werden weicher und ihr Geschmack wird immer süßer. Gerade diese natürliche Süße macht Mbigouom so besonders.

1
Sehr reife Plantain wird gekocht.
2
Man lässt sie vollständig abkühlen.
3
Sie wird in Stücke bzw. Scheiben geschnitten.
4
Die Scheiben werden getrocknet, bis sie fest und haltbar sind.

Durch das Trocknen verlieren sie einen großen Teil ihrer Feuchtigkeit und werden haltbar. So kann man Mbigouom pur als Snack essen. Es lässt sich aber auch weiterverarbeiten: gedämpft zusammen mit Mbouo Pirien – einer traditionellen Bamoun-Erdnusspaste – entsteht daraus ein eigenständiges Gericht: Mbouo Mbigouom.

Einordnung: Mbouo Pirien in der kamerunischen Küche

  • Mbouo Pirien ist die Bamoun-Version eines weitverbreiteten Erdnusspasten-Gerichts.
  • Bei den Bassa heißt eine ähnliche Zubereitung Nkôno Ôndè, bei den Béti-Völkern Nnam Owondo.
  • Die Bamoun-Variante unterscheidet sich durch die Verwendung von geräuchertem Fisch und schwarzem Pfeffer.
  • Traditionell wird die Erdnusspaste in Bananenblätter gewickelt und darin gegart.

Nachhaltigkeit, bevor wir sie so nannten

Heute sprechen wir viel über Food Waste, nachhaltige Ernährung und darüber, Lebensmittel möglichst vollständig zu verwerten. Unsere Großmütter brauchten dafür keine modernen Begriffe. Sie wussten einfach, dass Essen wertvoll ist.

Wenn Kochbananen sehr reif wurden und nicht mehr unbedingt frisch gegessen werden konnten, mussten sie nicht im Müll landen. Sie konnten zu Mbigouom verarbeitet und dadurch für später aufbewahrt werden. Die Süße der reifen Früchte wird dabei sogar zu einem Teil des besonderen Charakters.

Es ist eine Form von Nachhaltigkeit, die aus Erfahrung entstanden ist – aus Notwendigkeit, aber auch aus Wissen.

Getrocknet wurde mit dem, was vorhanden war

Auch die Art des Trocknens erzählt etwas über das Leben früher. Traditionell kann Mbigouom in der Sonne getrocknet werden. Eine andere Möglichkeit war der Bereich über bzw. auf dem Speicher nahe der traditionellen Küchenfeuerstelle – die Wärme des Feuers unterstützte dort den Trocknungsprozess.

Keine speziellen Geräte. Keine Temperaturanzeige. Keine digitale Zeitschaltuhr. Sondern Sonne, Feuer, Erfahrung – und das Wissen darum, wann etwas richtig getrocknet ist. Für meine Großmutter war das einfach Teil des täglichen Lebens.

Damals

Trocknung in der Sonne oder über der Feuerstelle – geleitet von Erfahrung statt von Technik.

Heute

Getrocknet im Airfryer mit Dehydrate-Funktion – die Technik ist eine andere, die Geschichte dahinter bleibt dieselbe.

Wenn ich heute Mbigouom mache, tue ich es unter ganz anderen Bedingungen. Ich habe keine traditionelle Feuerstelle, über der ich die Kochbananen langsam trocknen kann – also habe ich meine eigene moderne Variante gefunden. Aus sehr reifen Kochbananen wird etwas Haltbares. Etwas, das nicht verloren geht. Etwas, das eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart schafft.

Man muss ein Gericht nicht immer exakt so zubereiten wie vor hundert Jahren, damit seine Bedeutung erhalten bleibt. Man kann es weitertragen und gleichzeitig an die eigene Zeit anpassen.

 

 

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Meine Mutter – und das, was weitergegeben wurde

Wenn ich über meine Großmutter spreche, muss ich auch an meine Mutter denken. Sie hatte selbst nicht die Möglichkeit, eine Schule zu besuchen und eine höhere Bildung zu verfolgen. Ihre Kindheit wurde durch die Umstände ihrer Familie geprägt.

Aber genau diese Geschichte hat sie nicht an mich weitergegeben. Sie hat gemeinsam mit meinem Vater dafür gesorgt, dass ich einen anderen Weg gehen konnte. Sie haben mir den Weg zu Bildung und höherer Bildung geebnet – und sich damit bewusst gegen eine Denkweise entschieden, die zu ihrer eigenen Kindheit noch weit verbreitet war. Dafür bin ich ihnen bis heute sehr dankbar.

Vielleicht ist genau das eine der schönsten Formen von Vermächtnis: Eine Generation kämpft darum, dass die nächste Generation mehr Möglichkeiten bekommt.

Meine Großmutter nutzte das, was sie hatte, um ihre Kinder großzuziehen. Meine Mutter konnte ihren eigenen Bildungsweg nicht gehen – sorgte aber dafür, dass ihre Tochter es konnte. Und heute sitze ich hier und bereite Mbigouom zu. Mit einem Airfryer statt einer traditionellen Feuerstelle. Aber mit dem Wissen, dass hinter diesem Essen eine Geschichte steht.

Mbigouom ist für mich mehr als ein Snack

Wenn ich Mbigouom sehe, sehe ich deshalb nicht einfach getrocknete Kochbananen. Ich sehe meine Großmutter.

Ich denke an eine Frau, die nach dem Tod ihres Mannes ihre Kinder versorgen musste und aus ihrer Küche ein kleines Geschäft machte. Ich denke an meine Mutter und ihre Schwestern, die ihre Schule verlassen mussten, weil das Leben es von ihnen verlangte. Und ich denke daran, wie meine Mutter später gemeinsam mit meinem Vater dafür gesorgt hat, dass ihre eigene Tochter Zugang zu Bildung bekommt.

Das alles steckt für mich in einem einfachen Stück getrockneter Kochbanane.

Rezepte bewahren nicht nur Geschmack. Sie bewahren Erinnerungen.

Von der Küche meiner Großmutter in meine Küche

Ich finde es wichtig, solche Geschichten weiterzuerzählen. Denn wenn wir traditionelle Gerichte nur als “exotische Rezepte” betrachten, verlieren wir einen großen Teil dessen, was sie eigentlich ausmacht.

Mbigouom erzählt von der Bamoun-Kultur. Von der Verarbeitung von Kochbananen. Von traditioneller Lebensmittelkonservierung. Von der Süße sehr reifer Früchte. Aber vor allem erzählt es von Menschen. Von Frauen. Von einer Großmutter, die mit ihrer Arbeit ihre Familie ernährte. Von einer Mutter, die trotz ihrer eigenen Geschichte ihrer Tochter andere Möglichkeiten eröffnete. Und von einer Tochter, die heute in Deutschland lebt und ein Stück dieser kulinarischen Erinnerung in ihre eigene Küche zurückholt.

Vielleicht ist das auch eine Form von Weitergeben. Nicht alles genauso zu machen wie früher, sondern zu verstehen, warum es gemacht wurde – und die Geschichte dahinter nicht verloren gehen zu lassen.

Heute gerät dieses Gericht leider immer mehr in Vergessenheit. Genau deshalb wollte ich es festhalten. Ich habe versucht, Mbigouom so zuzubereiten, wie ich es aus meiner Kindheit von meiner Oma in Erinnerung habe. Vielleicht ist es nicht jedes Detail genauso, wie sie es gemacht hat. Aber es ist meine Erinnerung an ihren Geschmack, ihre Küche und an einen Teil meiner Familiengeschichte.

Mbigouom – eine einfache Idee mit viel Geschichte

Die GrundlageSehr reife Kochbananen
Die traditionelle IdeeKochen, abkühlen lassen, schneiden und trocknen
Traditionelle TrocknungSonne oder Wärme nahe der Küchenfeuerstelle
Meine moderne VarianteTrocknung im Airfryer mit Dehydrate-Funktion
Der Gedanke dahinterHaltbarkeit schaffen, sehr reife Früchte vor dem Wegwerfen bewahren

Aus dem, was fast verloren scheint, kann noch etwas Wertvolles entstehen.

Manchmal ist ein Rezept eben auch ein Stück Erbe.

Kennst Du ein Familienrezept, das weiterleben sollte?

Mbigouom ist Teil einer siebenteiligen Serie über die Vielfalt der Plantain-Zubereitung – von frittiert bis zu diesem traditionsreichen Familienrezept.

Zur Serie auf Instagram

 

 

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